Marketing und Taktik. Machen Sie es wie die Spechte!
Marketing und Taktik. Machen Sie es wie die Spechte!
Spechte müssen eiserne Nerven haben. Wenn ich mir vorstelle,dass ich mich mit den Zehen hoch oben an einem Baumstamm festkrallen sollte und dann mit dem Schnabel nach Maden hacken, dass die Späne fliegen, also ... ich danke.
Ich kriege bereits bei dem Gedanken Kopfschmerzen. Wenn ich mich schon von Maden ernähren müsste, dann würde ich mir die lieber aus nicht mehr ganz jungem Käse picken und nicht aus hartem Holz. Aber ich tue es nicht. Es ist mir zu mühsam.
Mittwoch, 28. Juli 2010
Informieren Sie sich über Verhaltensforschung und Marketing!
Die Spechte tun es. Man soll über Geschmack nicht streiten, und ich werde mich hüten, ihnen Vorschriften zu machen. Im Gegenteil, ich bewundere sie. Vor allem, weil sie bei ihrem Gehämmere einen klaren Kopf behalten und logisch denken können. Dieser Umstand ist bisher in der Öffentlichkeit nicht genügend gewürdigt worden. Ich will die Sache daher kurz erklären.Das Hauptproblem im Leben des Spechtes ist psychologischer Art. Wenn er existieren will, muss er die Mentalität der Käfer, Maden und Larven kennen, die er frisst. Er muss ihre Denkprozesse studieren, die Schnelligkeit ihres Reaktionsvermögens abschätzen können, sonst kriegt er sie nämlich nicht. Das soll übrigens nicht nur bei Spechten wichtig sein. Angenommen, er sitzt an der Südseite des Baumstammes und trommelt gegen die Rinde. Die Kerbtiere wissen natürlich, was die Glocke geschlagen hat, ergreifen ihr Luftschutzgepäck und rennen in den gebohrten Gängen nach der Nordseite, um dort die Entwarnung abzuwarten.
Das hat der Specht einkalkuliert. Er schätzt im Geiste ab, wann auch die asthmatischste Made auf der anderen Seite angekommen sein muss, läuft dann schnell um den Stamm herum und holt mit seiner langen, klebrigen Zunge die Peinlich-Überraschten aus ihrem Bunker. Das geht eine ganze Zeit gut, aber allmählich merken auch ganz dumme Käfer den Trick und fallen nicht mehr darauf herein. Sie bleiben auf der Seite, an die er klopft, sitzen und denken: "Renne mal einfach 'rum! Die Masche verfängt nicht mehr. Du solltest mal 'ne neue Platte auflegen!"
Diesen kritischen Zeitpunkt muss der Specht voraussehen und sich rechtzeitig darauf einstellen, sonst wird er nicht mehr satt. Er verfeinert also seine Politik und bleibt jetzt ebenfalls da sitzen, wo er klopft, bis die Maden auch diese Methode begriffen haben, soweit sie noch leben. Dann fangen sie wieder an zu rennen, aber nun nicht mehr ganz 'rum, sondern bloß noch halb, weil sie die Gedankengänge des Spechtes jetzt durchschauen. Die ganz Schlauen verduften sich nach oben oder unten.. So steigert sich dieser Kampf mit geistigen Waffen immer weiter, bis er ein Niveau erreicht hat, das dem Specht keine gesicherte Lebensgrundlage mehr bietet. Dann muß er sich ein neues Revier suchen, in dem das Ungeziefer noch dumm und denkfaul ist. So sorgt Mutter Natur für die geistige Fortbildung ihrer Geschöpfe.
JOCHEN THINIUS, angelehnt an einem unbekannten Künstler